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Er steht mitten in der Nacht auf und läuft wie ferngesteuert im Haus umher. Mit starrer Miene hängt er eine Tür aus und montiert in der Küche einen Hängeschrank ab. Am Morgen kann er sich an den nächtlichen Ausflug nicht erinnern. Nur die ausgehängte Tür und der demontierte Küchenschrank beweisen, dass er letzte Nacht mal wieder unterwegs gewesen sein muss: als Schlafwandler.

Für Peter Geisler vom Schlafmedizinschen Zentrum der Universität Regensburg ist so ein Fall nicht einmal ungewöhnlich: „Der beschriebene Patient ist von Beruf Schreiner. Und für einen Schlafwandler ist es typisch, dass er in seinem Zustand Handlungen ausführt, die etwas mit seinen alltäglichen Bewegungsabläufen zu tun haben.“ Dabei muss das Schlafwandeln nicht so extrem ausgeprägt sein. Einige Betroffene setzen sich nachts nur kurz im Bett auf, schauen verwirrt umher und nesteln an ihrem Bettzeug herum. Die vielen Formen des Schlafwandelns machen es schwierig, die Zahl der Betroffenen genau zu beziffern; in wissenschaftlichen Studien schwanken die Ergebnisse häufig zwischen einem und einigen wenigen Prozent.

Bewegung ohne Bewusstsein

Was aber passiert im Gehirn des schlafwandelnden Schreiners? Vor dem Schlafengehen beim Zähneputzen ist er noch wach und bei vollem Bewusstsein. Seine Gehirnaktivität lässt sich im EEG in Form von schnellen und unterschiedlich ausschlagenden Wellen beobachten. Nachdem er sich ins Bett gelegt hat, fängt er an zu dösen. Während dieses Leichtschlafes wechselt sein Bewusstsein vom aktiven in den passiven Wachzustand, wie Fachleute es nennen. Dann entspannt sich die Muskulatur, Blutdruck und Herzfrequenz sinken und im EEG sind die elektrischen Strömungen des Gehirns als langsame, gleichförmig ausschlagende Wellen zu beobachten: Der Tiefschlaf hat begonnen.
 
In den intensiven Tiefschlafphasen im ersten Drittel der Nacht kommt es bei Schlafwandlern jedoch zu einer unvollständigen Weckreaktion, so dass die gleichförmigen elektrischen Strömungen im Gehirn gestört werden. „Während das Bewusstsein noch tief schläft, wird das Programm für Bewegung im Körper einfach eingeschaltet“, erläutert Geisler. Der Schreiner steht dann zum Beispiel auf, geht in die Küche und montiert einen Schrank von der Wand. Solche Aufwachstörungen können bei einigen Schlafwandlern 40 Minuten dauern, bei anderen sind sie schon nach einer halben Minute vorüber. Je länger die Störung im Nervensystem anhält, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich der Betroffene auf einen nächtlichen Ausflug begibt. Und der kann auch äußerst peinlich enden.

Unfallrisiko Schlafwandeln

„Einer meiner Patienten ist geschäftlich viel unterwegs und übernachtet oft in Hotels. Es kommt vor, dass er nachts durch die Hotel-Lobby taumelt und sich in einem anderen Zimmer ins Bett legt“, erzählt Geisler. Eine unangenehme Situation. Doch oft kommt es noch schlimmer und es passiert sogar ein Unfall: Die Schlafwandler stoßen sich den Kopf, fallen Treppen herunter oder stürzen aus dem Fenster. Vorbeugung ist daher wichtig – dazu gehört das Abschließen von Türen ebenso wie das Verbannen von scharfen Gegenständen aus der Umgebung. Und wer einem Schlafwandler begegnet, führt ihn am besten sanft in Richtung Bett. Reißt man ihn aus dem Tiefschlaf, versetzt ihn das in unnötige Aufregung oder Panik.
 
Ob nun Schreiner oder reisender Geschäftsmann: Warum genau Menschen schlafwandeln, können Forscher bis heute nur vermuten. Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass Schlafwandeln teilweise vererbt wird. „Zu wenig Schlaf, viel Stress oder Alkohol können aber auch auslösende Faktoren sein“, sagt Schlafmediziner Peter Geisler. Als Gegenmittel empfiehlt er Entspannungsübungen, autogenes Training und vor allem ein regelmäßiges Zubettgehen zu festen Zeiten.
 
Annika Zeitler
 
 
mehr zum Thema
Phänomen Schlaf - Was nachts in unserem Körper passiert
Sendung vom 9. Mai 2006, WDR 
Letzte Aktualisierung ( 01.07.2006 )
 
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Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus | Institut für Journalistik | Universität Dortmund