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Vogelgrippe-Virus passiert die deutsche Grenze – ein Szenario Drucken E-Mail
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Das Vogelgrippe-Virus passiert die deutsche Grenze völlig unbemerkt – im Körper eines infizierten Zugvogels. Über einem Hühnerzuchtbetrieb lässt dieser seinen Kot fallen. Der Wettlauf gegen das Virus hat begonnen.
 
Viele Experten halten es zwar für unwahrscheinlich, dass Zugvögel das Virus einschleppen; ausschließen können sie es aber nicht. Schon ein einziges Viruspartikel, das im Kot eines Wildvogels enthalten ist, reicht unter Umständen aus, um einheimisches Geflügel anzustecken. Je mehr Viruspartikel im Kot enthalten sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich einheimische Vögel anstecken. Alle Geflügelarten sind gefährdet. Besonders hart trifft das Virus Hühner und Puten. Wasservögel erkranken seltener, dennoch können sie das Virus verbreiten.
 
Wenn es weitere Hinweise gibt, dass infizierte Zugvögel eine Gefahr für deutsches Geflügel darstellen, kann das Bundesministerium für Verbraucherschutz per Eilverordnung Freilandhaltung in Deutschland völlig verbieten: Sämtliches Geflügel müsste in Ställen untergebracht werden. Ist dies in einem Betrieb nicht möglich, soll zumindest ein Netz vor herabfallendem Kot infizierter Zugvögel schützen.          
 
Wenige Stunden später:
           
Ist ein Tier auf einer Geflügelfarm erst einmal infiziert, lässt sich das Virus kaum mehr aufhalten. Ein Schneeballsystem kommt in Gang: Schon Stunden nach der Infektion kann die Krankheit ausbrechen, aber auch einige Tage können bis dahin vergehen. Je dichter die Tiere auf einem Raum leben, desto schneller breitet sich das Virus aus. Die Ausscheidungen der infizierten Tiere enthalten unzählige Viren, die wiederum von anderen Vögeln des Betriebes aufgenommen werden. Erkrankte Tiere sind abgeschlagen und bekommen Durchfall. Symptome wie innere Blutungen lassen sich allerdings nur schwer von außen erkennen. Hühner legen teilweise Eier ohne Schalen. Sie fressen nicht mehr, an den Beinen bilden sich Ödeme. Tausende Tiere könnten sich innerhalb weniger Tage anstecken.
         
Zwei Tage später:
           
Die meisten infizierten Tiere überleben das Virus nicht. Nach zwei bis drei Tagen sterben die ersten Vögel. Spätestens dann wird der Mensch auf das Virus aufmerksam. Häufen sich die Todesfälle in einem Betrieb, besteht der Verdacht auf Vogelgrippe, was sofort den Behörden gemeldet werden muss. Da die Viren an Kleidung und Gegenständen haften, wird der betroffene Betrieb sofort unter Quarantäne gesetzt. Jeder, der das Gelände betritt, muss Schutzkleidung tragen. Alle Gegenstände und Fahrzeuge werden desinfiziert. Nun gilt es, eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die Experten vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Ostsee-Insel Riems werden informiert. Möglichst schnell muss geklärt werden, ob es sich um das aus Asien eingeschleppte H5N1-Virus handelt. Erkrankte und verendete Tiere werden deshalb noch am gleichen Tag per Hubschrauber in die Labors der Experten nach Norddeutschland gebracht.
 
Vier Tage später:
    
Eine pathologische Untersuchung bei den eingeflogenen Tieren klärt die Todesursache. Das Virus hinterlässt Spuren im gesamten Körper; besonders die Atemwege werden angegriffen. Nun müssen die Experten das Virus isolieren und typisieren. Innerhalb von 48 Stunden können sie klären, ob es sich um ein Virus vom Influenzatyp handelt.
         
Neun Tage später:
           
Bis die Experten am Friedrich-Loeffler-Institut das spezielle Vogelgrippe-Virus H5N1 zweifelsfrei identifizieren können, dauert es etwa eine Woche. Hierzu werden angebrütete Eier genau unter die Lupe genommen. Fallen die Tests positiv aus, ist der Verdacht bestätigt. Jetzt ist es amtlich: Das gefährliche Virus vom Typ H5N1 hat den Weg von Asien bis nach Deutschland geschafft.

Ca. zehn Tage später:
           
Nun greifen die weiteren Seuchenschutzmaßnahmen der Gesetzgebung. Der betroffene Geflügelbetrieb wird weiträumig abgesperrt, die gesamten Bestände müssen getötet werden. Geflügel darf in diesem gesperrten Bezirk nicht mehr gehandelt oder geschlachtet werden. Zum Schutz anderer Geflügelbetriebe ist eine Impfung denkbar. Das Friedrich-Loeffler-Institut arbeitet bereits heute fieberhaft an einem Impfstoff gegen die Vogelgrippe. Die Forscher haben dazu einen Impfstoff gegen Geflügelherpes mit Erbinformationen des H5N1-Virus kombiniert. Das Ergebnis erster Tests zeigt, dass geimpfte Hühner Antikörper gegen das H5N1-Virus bilden. Sind weitere Tests erfolgreich, könnte der Impfstoff auch in großen Beständen schnell über Spray, Augentropfen oder das Trinkwasser unter den Vögeln verbreitet werden und so die Tiere vor dem Virus schützen.
 
Jan-Henner Reitze
 
 
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Angst vor der Killer-Grippe?
Sendung vom 18. Oktober 2005, WDR
Letzte Aktualisierung ( 16.06.2006 )
 
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Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus | Institut für Journalistik | Universität Dortmund